MACHT EUCH AUF DIE SOCKEN
Was macht Migration mit den Menschen? Wie fühlt es sich an, den Heimatort zu verlassen und woanders neu anzufangen? Was bleibt von den Erinnerungen an die alte Heimat und wie werden sie aufbewahrt?
Diesen Fragen geht Anna Schimkat in ihrer Installation „Macht euch auf die Socken" nach, die noch bis zum 31. Mai in der Rheinland-Pfalz-Triennale in Trier zu sehen ist.
Anna Schimkat arbeitet an der Schnittstelle von Skulptur, Installation und Klangkunst. Ausgehend von der Bildhauerei erforscht sie die akustischen Eigenschaften von Räumen und entwickelt aus Geräuschen, Field Recordings und Objekten räumliche Kompositionen. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Erinnerung und Resonanz und mit der Frage, wie Klang unsere Erfahrung von Wirklichkeit formt.
Die Rheinland-Pfalz Triennale ist ein neues landesweites Ausstellungsformat für zeitgenössische Kunst, das vom BBK Rheinland-Pfalz im Auftrag des Kulturministeriums veranstaltet wird. Zahlreiche Orte im Stadtgebiet werden bespielt, vom Rheinischen Landesmuseum bis zu den Kaiserthermen und dem Amphitheater. Kuratiert von Dr. Carolin Heel und Norina Quinte, ging die Ausstellung nicht von einem vorgegebenen Thema aus, sondern von den Fragestellungen der Künstler*innen selbst. Daraus entwickelte sich ein Konzept, das gesellschaftliche, politische und technologische Veränderungen der Gegenwart in den Blick nimmt. Die Arbeiten sind unter Leitmotiven wie Macht, Migration, Identität, Alltag oder Zeit gruppiert, wobei die einzelnen Ausstellungsorte eigene Schwerpunkte setzen.
Anna Schimkats Klanginstallation ist in der Kunsthalle Trier zu sehen. Der dortige Ausstellungsteil widmet sich politischen Strukturen sowie Fragen von Nationalität, Heimat und Zugehörigkeit. Neben den Arbeiten von Max Görmann, der die US-amerikanische Militärpräsenz und kulturelle Vermischungen im Alltag rund um den US-Stützpunkt Ramstein thematisiert, richtet Schimkat den Blick auf die umgekehrte Perspektive. In „macht euch auf die Socken“ beschäftigt sie sich mit Strumpfarbeiter*innen aus dem Erzgebirge, die nach Pennsylvania ausgewandert sind.
Über Jahrhunderte war das Erzgebirge durch Bergbau und später durch die Textilindustrie, insbesondere als bedeutender Standort der Strumpfproduktion, wirtschaftlich eng mit globalen Handelsstrukturen verbunden. Im Zuge der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre wanderten viele Menschen aus der Region nach Pennsylvania aus, um dort in der aufstrebenden Strumpfindustrie Arbeit zu finden.
Anna Schimkat ist im Zuge einer Research Residency am International Studio & Curatorial Program (ISCP) in New York City ihren Spuren gefolgt. Sie untersuchte Fragen kultureller Bewahrung und Transformation, sprach mit Nachfahren und stieß dabei unter anderem auf den einzigen ostdeutschen Social Club in den USA, „V. E. Erzgebirge“.
Aus diesem Recherche und Interviewmaterial entstand auch ein 90-minütiges Radiostück auf Deutsch und Englisch, das weitere Verflechtungen dieser Geschichte beleuchtet, etwa den Import von Baumwolle aus den USA durch die erzgebirgische Textilindustrie, die so an der Sklaverei profitierte. Das Stück wurde unter anderem bei Deutschlandradio Kultur sowie auf US-amerikanischen Radiosendern ausgestrahlt und ist HIER abrufbar.
Die Installation selbst arbeitet mit feinen Fäden, die von Motoren bewegt werden, durch kaputte Instrumente laufen und in Schwingung versetzt werden. Aus diesen klanglichen und mechanischen Bewegungen entsteht ein narratives Geflecht, das von Heimat, Kultur und Erinnerung erzählt und den Faden als historisches sowie metaphorisches Objekt aufgreift. Außerdem werden sogenannte Formbeine eingesetzt, bis heute genutzte Werkzeuge der Strumpfproduktion, mit dem Strümpfe nach der Herstellung in Form gebracht werden. Da sie sich kaum verändert haben, dienen sie als visuell und historisch konstante Elemente.
Im Rahmen der Triennale aktivierte Anna Schimkat die Installation am 15. Mai mit einer 90-minütigen Performance, einer szenischen experimentellen Lesung mit Friederike Majerczyk (Trier) als Sprecherin und Izabela Kałduńska (Leipzig) an der Geige. Die Installation war zuvor 2023 im Rahmen des Leipziger Seanaps Festival für experimentelle Musik und Klangkunst zu sehen. Einen Zusammenschnitt der dreistündigen Performance ist HIER zu finden.
Durch ihre Beschäftigung mit Migration stieß Schimkat auf das Kurzwellenradio, das vor dem Internet für Migrant*innen eine wichtige Verbindung zur Heimat war. Im Rahmen der Interlude Artist Residency in New York im Juli und August will sie Antennenobjekte bauen, die Technik nachvollziehen und eine historische Recherche machen. Besonders interessieren sie dabei Prepper, die solche Radios nutzen.
Lena Kerschensteiner
2026